Leseprobe „Rockstars sind auch nur Idioten mit Herz“

Da das Lektorat und das Korrektorat nun durch sind, kann ich euch hiermit endlich eine neue Leseprobe zeigen. 

1. Neuer Job – Neues Glück?

Meine Finger trommelten auf meinen Oberschenkel, während ich einen Blick auf meine Uhr riskierte. Es war bereits kurz vor halb neun und damit deutlich zu spät. Ich stöhnte innerlich, eigentlich sollte ich bereits in meinem Lieblingscafé stehen und meinen morgendlichen Cappuccino ordern, um dann ausgeruht und ohne Stress ins Büro zu kommen. Aber daraus wurde heute wohl nichts. Mein Wecker hatte nicht geklingelt. Wie ich es geschafft hatte diesen auszuschalten ohne etwas zu merken, war mir allerdings ein Rätsel. Normalerweise hatte ich einen leichten Schlaf und schon das leiseste Geräusch reichte aus, damit ich aufwachte.

Wieder entglitt mir ein lautes Seufzen, welches mir einen genervten Blick meiner Sitznachbarin einbrachte.

„Davon fährt der Bus auch nicht schneller“, giftete die rüstige Dame in ihre ausladende Handtasche, welche sie wie einen Schutzschild auf ihrem Schoß drapiert hatte.

Ich zog unwillkürlich den Kopf ein und lächelte entschuldigend, aber sie starrte stur geradeaus. Schulterzuckend sah ich wieder aus dem Fenster. In der Spiegelung der Scheibe blickten mir zwei abgekämpfte braune Augen entgegen. Ich hätte gestern wirklich früher ins Bett gehen sollen. Die Sonne brannte bereits am Morgen unbarmherzig vom Himmel und ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Meine braunen Haare, die mir knapp über die Schultern reichten, klebten mir schon wieder im Nacken und ich verfluchte mich dafür, dass ich nicht daran gedacht hatte, einen Haargummi einzupacken.

Nur langsam schob sich der Bus durch den Berufsverkehr Münchens und ich fragte mich, woher die vielen Autos kamen. Waren doch sonst um diese Uhrzeit nicht so viele Menschen unterwegs, oder bildete ich mir das nur ein?

„Dieser Tag steht unter keinem guten Stern“, schoss es mir durch den Kopf und ich schloss für einen Moment die Augen.

Unweigerlich schweiften meine Gedanken zu meiner Arbeit. Seit zwei Monaten war ich in der Künstleragentur Liebermann beschäftigt und bisher schien es, als hätte ich meinen Traumjob wirklich gefunden. Tolle Kollegen und super Chef – was wollte ich mehr?

Holpernd kam der Bus endlich an der richtigen Haltestelle zum Stehen. Eilig quetschte ich mich an der älteren Dame mit einem „Entschuldigung“ vorbei, die mich nur mit einem übertrieben genervten Seufzen vorbeiließ. Mit einem lauten Zischen öffneten sich die Türen und ich hüpfte auf den Gehsteig. Ein angenehmer Luftzug fuhr durch meine dünne Bluse und ich genoss die kleine Abkühlung, ehe ich in Richtung Café eilte.

Es war nur ein Katzensprung durch die belebte Innenstadt, bis mein Ziel in Sicht kam. Ich betete inständig, dass ich nicht zu lange anstehen musste und hatte tatsächlich Glück – nur drei Kunden standen an. Von Geschäftsmännern bis zum Studenten kam alles in dieses kleine Café, um sich den morgendlichen Koffeinschub zu holen.

Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen, während ich wartete. Die kleinen runden Tische waren fast alle besetzt und es herrschte ein stetiges, monotones Murmeln. Sofort fühlte ich mich wie zu Hause. Schon zu meinen Schulzeiten war ich hierhergekommen und hatte oft stundenlang am Fenster gesessen und die Menschen beobachtet. Mit meinen mittlerweile 27 Jahren hatte ich dazu allerdings keine Zeit mehr.

Unruhig tippelte ich mit meinen hohen Sandalen auf den Boden und spähte vor zum Tresen. Was dauerte denn dort so lange? Normalerweise waren die Bedienungen hier wirklich schnell.

Aber alles was ich sah, war ein breiter Rücken und einen Hinterkopf, der von einer Kapuze verdeckt wurde. Wer um alles in der Welt trug bei diesem heißen Sommerwetter einen Pullover?

Es war eindeutig ein Mann, denn seine dunkle Stimme schallte plötzlich durch den kleinen Raum. „Bringen Sie denn gar nichts auf die Reihe?“, schimpfte er die junge Frau hinter dem Tresen an. Sie schien den Tränen nahe, während sie wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wurde, dem Unbekannten gegenüberstand. Ihre Antwort war nur ein leises Flüstern, das vollkommen im lauten Stimmengewirr unterging. Er fuchtelte wild mit seinen Händen, während er sich nach vorn beugte. Neugierig reckte ich mich nach oben, um besser sehen und hören zu können, aber ich verstand nicht, worum es ging. Er hatte seine Stimme gesenkt und schien der Bedienung etwas ins Ohr zu flüstern. Als alle Farbe aus dem Gesicht der jungen Frau wich, sauste seine Hand auf den Tresen. Mit einem Knurren schnappte er sich den Becher und stapfte schließlich einfach davon. Neugierig musterte ich den Unbekannten, als er an mir vorbeikam. Sein Blick war auf den Boden geheftet, als gäbe es dort etwas besonders Interessantes zu lesen. Die Ärmel des schwarzen Kapuzenpullis hatte er bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Dazu trug er eine beige Shorts und seine Füße steckten in einem Paar ausrangierter Flipflops. Alles in allem ein wirklich ungewöhnlicher Anblick.

Plötzlich wurde ich von der Seite angerempelt und stolperte zwei Schritte vorwärts – geradewegs in den großen Hünen.

„Verflucht, noch mal!“, rief er und taumelte zurück. Schüchtern sah ich auf und blickte in zwei stahlblaue Augen, die mich sofort fesselten. Sie saßen in einem kantigen Gesicht, das von einem Dreitagebart eingerahmt wurde. Dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab und verliehen ihm einen zornigen Ausdruck. Von seiner Hand, die den Becher immer noch umklammert hielt, tropfte schwarzer Kaffee, während sich auf seiner Shorts ein brauner Fleck bildete. Das Blut schoss sofort in meine Wangen und ich hörte das Pochen meines Herzschlags laut in meinen Ohren.

„Können Sie nicht aufpassen?“, fauchte er mich an und wischte sich die Finger an seinem Sweatshirt ab.

„Entschuldigen Sie“, murmelte ich und ging unwillkürlich einige Schritte zurück. Sein Blick bohrte sich in meinen und ich zog den Kopf ein. Fast erwartete ich, er würde mir den Becher an den Kopf werfen, so sprühten seine Augen vor Wut. Stattdessen schüttelte er nur den Kopf, zog seine Sonnenbrille aus dem Kragen und drückte sie sich energisch auf die Nase. Mit einem letzten Blick und einem dunklen Grollen ging er schließlich weiter und verschwand aus der Glastür im Gewimmel der Menschen.

Verdutzt starrte ich ihm nach. Was war denn das? Immer noch völlig verwirrt schüttelte ich den Kopf und wandte mich wieder nach vorn. Endlich ging es weiter und mein Kaffee kam in Sicht.

Allerdings wanderten meine Gedanken immer wieder zu diesen Augen. Irgendwie kam er mir bekannt vor, aber ich kam einfach nicht darauf, woher.

„Mann, ist das heiß heute“, stöhnte ich, als ich mich endlich auf meinen Bürostuhl sinken ließ. Sofort klebten meine nackten Oberschenkel unter meinem kurzen Rock am weichen Leder der Sitzfläche fest. Auf die Minute genau hatte ich es ins Büro geschafft, allerdings war ich nun verschwitzt und abgehetzt. Ich fächerte mir Luft zu, während ich mich zurücklehnte.

Mein kleines Büro lag glücklicherweise Richtung Westen, sodass erst gegen Abend die Sonne durch die hohen Fenster ins Zimmer schien und es tagsüber angenehm kühl blieb, da das Gemäuer des alten Stadthauses dick war und so die Hitze abhielt.

Ich stellte meinen Kaffeebecher auf meinem Schreibtisch ab und schaltete den Laptop ein, als ein leises Klopfen mich aufschauen ließ. Dennis Liebermann, mein Chef, stand in der offenen Tür und lächelte mich an. „Guten Morgen, Dana. Hast du kurz Zeit?“

Noch während er sprach, ließ er sich in einen Stuhl vor meinem Tisch nieder. Dennis fuhr sich durch seine kurzen braunen Haare und seufzte. Die Sorgenfalte, die sich tief in seine Stirn gegraben hatte, ließ sein Lächeln blass wirken. Normalerweise sah er um einiges jünger aus als seine 36 Jahre, aber heute ließ ihn die Erschöpfung um Jahre altern. Sofort war mir klar, dass es um etwas Ernstes gehen musste und ich nickte ihm zu. „Natürlich. Worum geht es?“

„Ich muss aus privaten Gründen kürzertreten“, erwiderte er und ein leises Seufzen kam über seine schmalen Lippen. „Für die nächsten Monate steige ich aus dem Tagesgeschäft aus. Für wichtige Entscheidungen oder Probleme bin ich natürlich weiterhin da, aber den Rest müsst ihr alleine regeln. Das heißt, ich teile die Touren unter euch fünf auf. Für dich habe ich The Red Orchid vorgesehen.“

Überrascht lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und nahm einen Schluck des heißen Kaffees, während ich ihn aufmerksam musterte.

„Das klingt aber gar nicht gut. Darf ich fragen, was los ist?“ Ich biss mir auf die Lippe und hoffte, Dennis nehme mir meine Neugierde nicht übel.

Mit einem kaum merklichen Kopfschütteln tat er sie ab. „Erzähle ich dir später, ich weiß auch noch nichts Genaues.“
Sein Blick wanderte auf seine Hände, die er im Schoß gefaltet hatte und er spielte gedankenverloren mit dem goldenen Ehering. Ein paar Augenblicke schien er in einer anderen Welt zu sein, ehe er mich wieder ansah. Er gab sich die größte Mühe, ein echtes Lächeln zustande zu bringen, aber der Kummer hatte sich in seine Mimik gemeißelt. „Und was sagst du? Schaffst du das?“

Ich nickte entschlossen, auch wenn mir Dennis leidtat, war das die große Chance für mich. „Ja, klar schaffe ich das.“

„Sehr schön, dann bist du jetzt offiziell die Tourmanagerin von The Red Orchid! Alex kannst du jederzeit hinzuziehen, wenn du Hilfe brauchst. Er kennt die Jungs schon länger und weiß, wie sie ticken.“ Dennis zwinkerte mir zu und erhob sich. „Zwei Jungs aus der Band, Mark und Matthias, kommen heute Nachmittag um 15 Uhr, damit wir die Übergabe und die ersten Einzelheiten besprechen können.“

„Großartig!“, erwiderte ich lächelnd und nickte ihm zu.

„Dann bis gleich und danke“, sagte er und verschwand aus meinem Büro.

Nachdenklich betrachtete ich die Tür, durch die er eben verschwunden war. Es war eine große Verantwortung. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass ein breites Grinsen meine Lippen zierte, denn ich freute mich, dass ich nach kurzer Zeit schon eine solche Aufgabe übernehmen durfte. Beschwingt von der guten Wendung dieses Tages, trank ich den letzten Schluck des Kaffees und widmete mich meinem Bildschirm, um die E-Mail-Flut in meinem Postfach abzuarbeiten. Kaum hatte ich die erste Mail geöffnet, kam mein Kollege Alex hereingeeilt.

Er war ein netter Typ und war mir schon von Anfang an sehr sympathisch gewesen. Schwungvoll legte er mir eine Mappe auf den Schreibtisch.

„Hier, das ist die Mappe für Red Orchid. Mit Abstand die süßesten Typen, die wir unter Vertrag haben.“

„Danke, aber so gut sehen sie auch wieder nicht aus“, erwiderte ich lachend und zog die Mappe näher zu mir.

„Hast du dir Mark eigentlich schon mal genau angesehen? Wenn er schwul wäre, hätte ich mich schon längst auf ihn gestürzt, das kannst du mir glauben.“

„Ja, habe ich, und ich sehe, dass du den gleichen Geschmack bei Männern wie bei Hosen hast.“ Demonstrativ ließ ich meinen Blick über seine hautenge, kobaltblaue Hose schweifen. Alex hatte ein Faible für viel zu enge und viel zu bunte Hosen, aber da er schwul war, war er der Meinung, er dürfe alles tragen, ohne dass es jemals schlecht aussehen könnte.

Lachend schüttelte er den Kopf und ließ sich in den Stuhl sinken, auf dem kurz zuvor noch Dennis gesessen hatte. Mit einem Nicken deutete er auf die Mappe. „Da sind nagelneue Pressefotos drin. Bei denen fällt dir die Kinnlade runter, glaub mir.“ Das teuflische Grinsen, das sich soeben auf seinem schmalen Gesicht ausgebreitet hatte, quittierte ich mit einem Augenrollen.

Schwungvoll zog ich die Fotos aus der Mappe, und als ich das erste in Händen hielt, stockte mir sofort der Atem. „Oha …“, war alles, was ich herausbrachte.

Ein attraktiver Mann war darauf abgebildet, der mir vage bekannt vorkam. Er hatte strahlend blaue Augen und zerzauste blonde Haare, die ihm die Ausstrahlung eines Bad Boys mit jugendlichem Charme verliehen. Der Dreitagebart betonte sein kantiges Gesicht. Mein Blick wanderte weiter zu seinen nackten Oberarmen, die durch den starken Kontrast des Bildes besonders gut zur Geltung kamen. Das weiße, fast durchsichtige T-Shirt, das er trug, betonte seinen muskulösen Oberkörper und ließ meine Fantasie schier verrücktspielen.
Ich schluckte schwer und fasste mir unbewusst an meine Halskette. Am unteren Ende des Fotos fand ich den Namen des gut aussehenden Mannes: Mark Schmidt, Leadsänger und Frontmann.

Alex’ schallendes Lachen ließ mich zusammenzucken, ehe ich zu ihm aufsah.

„Du kanntest nur alte Fotos, stimmt’s?“ Die Belustigung funkelte in seinen braunen Augen und ich nickte. Tatsächlich hatte Dennis mir gesagt, dass sich gerade Mark in den vergangenen Jahren stark verändert hatte, aber aktuelle Pressefotos waren damals noch nicht vorhanden. Auf dem alten Gruppenfoto hatte er noch ganz anders ausgesehen, seine Haare hatten damals beinahe seine Schultern berührt und er hatte eher schmächtig gewirkt. Dazu kam ein breites Grinsen, welches nun von einem ernsten Blick abgelöst worden war.

„Auf diesen Fotos findest du ihn heiß. Kannst es ruhig zugeben, dass findet jeder.“

„Ja gut, du hast recht. Er sieht ganz nett aus“, erwiderte ich kleinlaut und stopfte das Foto wieder zurück in die Mappe.

„Nur ganz nett?“ Eine seiner Augenbrauen wanderte nach oben. Mir war klar, dass er mich durchschaut hatte, aber ich wollte auf keinen Fall zugeben, wie sehr Mark mir auf dem neuen Foto gefiel.
„Ja, nur ganz nett.“
„Dana, du bist eine schlechte Lügnerin. Aber lass dir bloß nicht den Kopf verdrehen.“ Mit einem Zwinkern stand er auf und ließ mich mit dem verhängnisvollen Foto allein.

Mit einem Seufzen zog ich noch einmal das Foto aus der Mappe und starrte es einige Augenblicke fasziniert an. Je länger ich es betrachtete, desto anziehender fand ich ihn.

„Das kann ja was werden …“, murmelte ich vor mich hin. Dabei dachte ich, ich wäre hier in Sicherheit vor gut aussehenden Männern, als ich erfuhr, welche Künstler Dennis unter Vertrag hatte. Mit einem Kopfschütteln riss ich mich schließlich davon los und schob es, mit der Bildseite nach unten, unter einen Stapel Papiere.
Entschlossen, mich nicht weiter davon ablenken zu lassen, legte ich sicherheitshalber alle Fotos weg und sah mir die weiteren Unterlagen an. Aufmerksam las ich mir den Pressetext und die Planung für die nächsten Monate durch. Die Band war mir zwar schon ein Begriff und ich kannte auch das eine oder andere Lied von früher, aber im Detail hatte ich mich noch nicht mit ihnen beschäftigt. Ihre letzte Tour war bereits drei Jahre her und sie hatten eine lange Pause hinter sich. Das neue Album würde in sechs Wochen auf den Markt kommen und die ganze Agentur war deswegen bereits in Aufruhr. Dennis erwartete einen Spitzenplatz in den Charts und eine ausverkaufte Europatournee Anfang nächsten Jahres. Je mehr ich las, desto bewusster wurde mir die Verantwortung, die er mir übertragen hatte. Es freute mich, aber ich bekam auch ein wenig Angst. Was, wenn ich es vermasselte?

Ich ließ meinen Blick durch das Büro schweifen. Die dunklen Balken, die die weißen Wände hier und da unterbrachen, wirkten altmodisch, und doch hatten sie einen ganz besonderen Charme. Sie verliehen dem Raum eine Gemütlichkeit, die ich noch in keinem Büro zuvor gesehen hatte. Dunkle Möbel und eine große Palme in einer freien Ecke rundeten das Ganze ab. Es würde mir wirklich fehlen hier zu arbeiten.

Energisch schüttelte ich den Kopf, um die negativen Gedanken zu verscheuchen. Sorgen konnte ich mir machen, wenn es wirklich so weit kam.

Nachdem ich alles durchgesehen hatte, musste ich feststellen, dass im Grunde noch nichts für die Tour vorbereitet war, lediglich ein grober Zeitplan stand. Das bedeutete jede Menge Arbeit und Überstunden. Ich seufzte leicht. Die Arbeit machte mir zwar Spaß, aber von Überstunden war ich noch nie ein Fan gewesen.

Gerade war ich mit dem Wichtigsten fertig geworden, da klopfte es schon an meiner Tür. Alex lehnte am Türrahmen. „Dana? Sie sind da. Sie sitzen schon im Konferenzraum.“

Verwundert sah ich auf die Uhr. Ich hatte gar nicht mitbekommen, wie schnell die Zeit vergangen war. Hektisch kramte ich die überall verteilten Unterlagen zusammen, während ich von Alex dabei aufmerksam beobachtet wurde.

„Lass dich nicht stressen. Die Jungs sind super drauf.“

Ich brachte nur ein gequältes Lächeln zustande. Die Nervosität, die plötzlich wie ein Stein in meinem Magen lag, machte es schwer, zuversichtlich zu sein.

Warum bin ich auf einmal so nervös?, fragte ich mich, während ich die Stufen zum Konferenzraum erklomm. Der ausgebaute Dachboden, der den Konferenzraum beherbergte, schien plötzlich unerreichbar zu sein. Hatten sich die Stufen heimlich verdoppelt? Je näher ich kam, desto aufgeregter wurde ich. Meine Hände waren von einem feinen Schweißfilm überzogen und der Magen rebellierte unangenehm.

Meine Schritte hallten ungewöhnlich laut von dem dunklen Holzboden wider und ich fühlte mich, als trampele ich laut, statt normal zu gehen. Völlig außer Atem und mit wild schlagendem Herzen kam ich an der Tür an. Verkrampft versuchte ich meine Atmung zu beruhigen und schloss meine Augen. „Du schaffst das, Dana. Sie haben bestimmt Verständnis und nehmen Rücksicht auf dich“, murmelte ich mir aufmunternd zu, aber wirklich ruhiger wurde ich dadurch nicht.

Ich tat einen letzten tiefen Atemzug, drückte die Tür mit Schwung auf und trat ein.

Als mein Blick auf Mark fiel, blieb ich wie angewurzelt stehen. Mein Herz sank gen Boden und mir wurde klar, warum ich so nervös war – Mark sah schlichtweg aus wie mein absoluter Traummann.

Verkrampft lächelte ich ihn an und versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Eine peinliche Stille drohte sich auszubreiten und das Ticken der antiken Uhr, die über der Tür hing, dröhnte laut in meinen Ohren. Dennis, den ich bisher nicht bemerkt hatte, sprang von seinem Stuhl auf und stellte sich neben mich. „Jungs, das ist Dana Müller. Sie wird die Tour nächstes Jahr managen.“

„Hallo, ich bin Matthias Schober, der Gitarrist.“ Matthias erhob sich und reichte mir die Hand. Nur schwer konnte ich meine Augen von Mark abwenden und mich Matthias widmen.

Er war sehr groß, sodass ich meinen Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihm aufschauen zu können. Das freundliche Lächeln spiegelte sich in seinen dunkelbraunen Augen wider und ich taute langsam auf.

„Schön, Sie endlich persönlich kennenzulernen.“

Ein verächtliches Schnauben, noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte, ließ mich aufhorchen. Schnell wandte ich mich wieder Mark zu, der nun mit verschränkten Armen auf dem Stuhl saß und mich düster anstarrte. Er machte sich gar nicht erst die Mühe aufzustehen und sich vorzustellen.

„Ich bin Mark Schmidt, Frontmann“, blaffte er in meine Richtung und ich musste mehrmals blinzeln, um sicher zu sein, dass ich mir das nicht nur einbildete.

Das kann ja lustig werden. Ich schluckte, als sich seine zu Schlitzen verengten Augen in meine bohrten. Erst jetzt nahm ich sein skurriles Marylin-Manson-Shirt wahr, das ihm eine düstere Aura verlieh und mir lief unwillkürlich eine Gänsehaut über den Rücken.

„Kennen wir uns irgendwoher?“, fragte Mark plötzlich mit einem dunklen Grollen in der Stimme, während er mich von oben bis unten scannte. Die Art, wie er mich musterte, war mir mehr als unangenehm.

„Nein, ich denke nicht“, murmelte ich und widerstand dem Drang, rückwärts wieder aus der Tür zu verschwinden.

Plötzlich zeigte er mit einem Finger auf mich. „Doch, natürlich. Sie waren die Verrückte in dem Café heute Morgen, die nicht fähig ist auf eigenen Füßen zu stehen und mir den Kaffee über die Hose geschüttet hat.“

Sofort schoss mir das Blut in die Wangen und mir wurde klar, warum er mir bekannt vorkam. „Es tut mir wirklich sehr leid mit dem Kaffee“, brachte ich nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich heraus. „Aber ich konnte nichts dafür. Ich wurde angerempelt.“

Mark verdrehte die Augen. „Natürlich, das sagen sie alle.“ Seine Stimme triefte nur so vor Sarkasmus und ich konnte ihn nur sprachlos anstarren. Die Stimmung, welche von Beginn an schon recht unterkühlt war, sank soeben auf den Nullpunkt und eine Gänsehaut überzog meine Arme.

Dennis räusperte sich schließlich und ließ sich extra geräuschvoll in den schwarzen Stuhl sinken.

„Ich schlage vor, wir fangen jetzt einfach mal an. Es ist noch viel zu tun.“ Aufmunternd nickte er in die Runde, aber niemand wollte sein Lächeln so recht erwidern.

Mark hatte mich völlig aus dem Konzept gebracht, und so setzte ich mich mit zitternden Händen den beiden gegenüber und breitete die Unterlagen vor mir aus. Seinen bohrenden Blick versuchte ich so gut es ging zu ignorieren und atmete erst einmal unauffällig durch. Meine Wangen glühten noch immer und auch mein Herzschlag wollte sich nicht beruhigen. Ich verfluchte meinen Körper dafür, dass er immer auffällig reagierte.

„Wie ich hörte, ist noch nichts weiter vorbereitet“, blaffte Mark mich plötzlich an.

Verwirrt sah ich auf. „Ich … äh … also“, setzte ich an, war aber zu perplex, um den Satz zu Ende zu bringen. Dennis, der völlig vertieft in sein Smartphone starrte, schien nichts mitzubekommen. Es dauerte einige Sekunden, ehe ich mich wieder im Griff hatte und daran erinnerte, wie man mit solchen Diven, wie Mark eine zu sein schien, umzugehen hatte. Ich hob eine Augenbraue und straffte die Schultern. Nach einem Räuspern legte ich so viel Selbstbewusstsein in meine Stimme, wie es mir möglich war und sah dem Löwen offen ins Gesicht.

„Es tut mir wirklich leid, Herr Schmidt, dass die Vorbereitungen noch nicht so weit sind. Aber wie Sie sicher gehört haben, bin ich sehr kurzfristig für Ihre Tournee eingeteilt worden und habe erst vor ein paar Stunden die nötigen Unterlagen bekommen.“

„Das ist für mich keine Entschuldigung. Wofür hat man einen Tour Manager, wenn der nichts auf die Reihe bekommt?“ Sein eiskalter Ton ließ mir eine Gänsehaut über die Arme wandern. Die Streitlust funkelte in seinen Augen und er lehnte sich provokativ nach vorn.

Sofort fing meine Lippe an, nervös zu zucken, wie immer, wenn ich größte Mühe hatte, mich zu beherrschen. Es war eine lästige Angewohnheit, die einmal mehr verdeutlichte, wie schwer ich mich tat, meine Gefühle zu verstecken.

Ich wusste, dass er nicht das Recht hatte, so mit mir zu reden, aber nichtsdestotrotz musste ich gute Miene zum bösen Spiel machen und freundlich bleiben. Die Band war Dennis Ein und Alles und ich wollte meinen Job nicht schon nach ein paar Monaten wieder verlieren, nur weil sich ein Künstler nicht gut behandelt fühlte.

Also setzte ich mein Pokerface auf, zumindest versuchte ich es, straffte meine Schultern und sah ihn herausfordernd an.

„Nun ja, ich möchte mich nicht herausreden, aber ich war bis vor einigen Stunden noch nicht ihre Tourmanagerin, wie ich schon sagte.“ Trotzig reckte ich mein Kinn.

Wenn Blicke töten könnten, würde ich nun zuckend im Todeskampf am Boden liegen, stellte ich fest, als sich Marks Miene noch weiter verdüsterte.

„Ich hoffe, Sie kriegen das wieder hin und zwar schleunigst“, knurrte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und die Arme wieder vor der Brust verschränkte. Auf seiner Stirn zeichneten sich deutliche Zornesfalten ab. Innerlich verdrehte ich die Augen und stöhnte genervt auf.

„Mark, ich bitte dich! Was ist denn heute mit dir los?“, fragte Dennis plötzlich. Scheinbar war er wieder aus seiner Trance erwacht und stand mir endlich zur Seite.

„Es wurde auch langsam mal Zeit“, dachte ich und sah von Mark zu Dennis und wieder zurück.

„Nichts“, zischte Mark zurück und stand abrupt auf. „Ich brauche ’ne Pause. Wenn mich einer sucht, ich bin draußen.“ Mit schnellen Schritten war er an der Tür und riss sie schwungvoll auf. Bevor ihn jemand aufhalten konnte, fiel die Tür hinter ihm krachend ins Schloss.

Blinzelnd sah ich ihm nach und musste erst einmal tief durchatmen, um mich wieder zu beruhigen. Was dachte der eigentlich, wer er war?

„Es tut mir wirklich leid, Frau Müller.“ Matthias schüttelte den Kopf und seufzte.

Dennis tat das unverschämte Verhalten von Mark wohl genauso leid, denn das Bedauern zeichnete sich deutlich in seinem Mienenspiel ab. „Er ist sonst eigentlich immer gut drauf. Keine Ahnung, was heute in ihn gefahren ist. Es tut mir leid, Dana. Ich werde nachher mal mit ihm reden.“

„Ach, nicht so schlimm, ich bin einiges gewohnt. Vielleicht sollten wir ohne ihn anfangen?“ Ich zwang mich zu einem Lächeln und betete inständig, dass man mir die Anstrengung, die mich das kostete, nicht ansah.

Als Mark nach einer Stunde immer noch nicht wieder da war, ging Matthias raus, um ihn zu suchen.

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und wischte mir den Schweiß von der Stirn, während ich die Augen schloss, um mich kurz zu entspannen.

Es war trotz Klimaanlage warm in dem großen Raum und ich konnte mich kaum noch konzentrieren. Meine weiße Bluse klebte an meinem Körper und die Anspannung, die mich schier unter Strom stehen ließ, gab mir den Rest.

„Bisher läuft es doch super. Für heute haben wir es gleich geschafft.“ Dennis legte seine Hand auf meine und drückte sie sanft. „Trink mal einen Schluck Wasser.“ Er schob mir mit einem Lächeln ein volles Glas zu. Mit einem Nicken nahm ich es entgegen und stürzte die kühle Flüssigkeit in einem Zug hinunter.

Kaum hatte ich ausgetrunken, kam Matthias mit Mark wieder zurück.

Ich war nicht gerade begeistert, dass Mark wieder da war, denn ohne den Herrn der Finsternis waren wir ein gutes Stück vorangekommen. Nun befürchtete ich, dass ich mir wieder nur dumme Kommentare würde anhören müssen.

Doch ganz zu meinem Erstaunen hielt Mark sich zurück und saß meistens still da. Nur hin und wieder kam eine Anmerkung von ihm oder er verdrehte demonstrativ die Augen.

Nach weiteren zwei Stunden Folter standen zumindest die Städte und Hallen und wir konnten das Meeting endlich beenden.

Wie nicht anders zu erwarten, war die Verabschiedung kühl und distanziert. Mark würdigte mich keines Blickes und giftete selbst Dennis an. So langsam beschlichen mich ernste Zweifel, ob das mit der Zusammenarbeit wirklich klappte, wenn Mark sich immer wie ein Kleinkind benahm.

Der Feierabend kam wie gerufen, und als ich abends endlich zu Hause ankam, war ich müde und abgekämpft. Meine Sachen waren durchgeschwitzt und ich wollte einfach nur noch in mein Bett, doch Ruhe war mir nicht vergönnt. Kaum steckte ich den Schlüssel in meine Haustür, ertönte eine bekannte Stimme durch das Treppenhaus.

„Hey Dana!“, rief Emma, meine beste Freundin seit Kindertagen, aus dem oberen Stock. Sie erkannte mich bereits an meinen Schritten und begrüßte mich immer persönlich, wenn sie gerade zu Hause war. Seit zwei Jahren wohnte sie bereits im selben Haus wie ich am Stadtrand von München.

„Hallo Emma“, murmelte ich wenig begeistert, während ich die Tür aufschloss. Normalerweise freute ich mich, ein kurzes Schwätzchen mit ihr zu halten, aber heute schwirrte mir dafür zu sehr der Kopf.

„Mensch, du siehst ja furchtbar aus. Was ist denn mit dir passiert?“ Mit drei großen Schritten eilte sie die Treppe herunter und musterte mich prüfend.

„Nichts, und danke für deine aufmunternden Worte“, grummelte ich und ging in meine Wohnung. Emma folgte mir ohne große Aufforderung und setzte sich an den Tresen meiner Küche, die direkt im Flur untergebracht war.

Sie bewohnte das Dachgeschoss des kleinen Mehrfamilienhauses und ging bei mir ein und aus, als wohne sie hier und nicht einen Stock darüber.

Ich zog mir die Sandalen von den Füßen und tapste in mein Schlafzimmer.

„Möchtest du dir nicht den Kummer von der Seele reden?“, flötete meine beste Freundin und ich wusste genau, worauf sie aus war. Emma war scharf auf jede Art von Klatsch und Tratsch, und seit ich als Assistentin in Künstleragenturen arbeitete, war ich ihre beste Quelle. Es war mir schon immer ein Rätsel, wie man so viel Interesse für das Leben eines Prominenten aufbringen konnte.

„Nicht unbedingt“, antwortete ich ihr deswegen und schälte mich aus meinen Sachen. In bequemen Shorts und einem weiten T-Shirt fühlte ich mich schon wesentlich besser.

Emma hatte währenddessen eine Flasche Wein aus meinem Kühlschrank gefischt und uns zwei Gläser eingeschenkt. Mit wackelnden Brauen wedelte sie mit einem davon vor meiner Nase, kaum dass ich zurück in der Küche war. „Na komm schon. Ein bisschen Klatsch für deine allerbeste Freundin wird doch drin sein. Oder geht es gar nicht um einen Promi?“

Ich verdrehte die Augen und schnappte mir den Wein, ehe sie ihn sich selbst einverleibte. „Doch, es geht um einen.“

„Und um wen?“

Ihre grünen Augen leuchteten und sie beugte sich weiter nach vorn. Ich genoss es regelmäßig, sie ein bisschen auf die Folter zu spannen und damit zu ärgern. Schon lichtete sich meine Stimmung. „Ach, ist eigentlich nicht so besonders.“

„Jetzt komm schon, Dana. Das ziehst du jedes Mal durch.“ Emma strich sich energisch eine ihrer kurzen braunen Locken hinter die Ohren und fixierte mich mit zusammengekniffenen Augen.

Entspannt lehnte ich mich gegen die Spüle und nahm einen Schluck des süßen Weins. Langsam ließ ich die Flüssigkeit über meine Zunge rollen, während sich das fruchtige Aroma entfaltete. Als sie ungeduldig schnaubte, erbarmte ich mich schließlich.

„Ich habe heute The Red Orchid persönlich kennengelernt“, sagte ich feierlich und war gespannt auf ihr, mit Sicherheit, überraschtes Gesicht. „Zumindest zwei von ihnen.“

Stille breitete sich aus, während Emma mich blinzelnd anstarrte. Sie brauchte einige Sekunden, ehe sie ihre Sprache wiederfand. „Das ist alles? Diese Schmalzband?“

Nun war es an mir, sie mit offenem Mund anzustarren. Eigentlich ging ich davon aus, sie würde in Jubel ausbrechen. „Ich dachte, du stehst auf die?“

„Um Gottes willen, doch nicht auf diese Milchbubis.“ Abwehrend hob sie die Hände und verzog angewidert ihre Miene. „Auf Blue Bell steh ich. Aber doch nicht auf die.“

„Ich wusste, es war irgendeine Farbe im Bandnamen“, murmelte ich leise und kratzte mich am Kopf. Emma hatte so viele Lieblingsbands, da kam kein Mensch mit. Eigentlich ein Wunder, dass sie nicht in der Musikbranche arbeitete, sondern als Assistentin eines Modefotografen.

„Willst du jetzt von meinem miesen Tag hören, oder nicht?“ Ich betrachtete meine Freundin, die eine Schnute zog.

„Na gut. Ich will mal nicht so sein. Schließlich bin ich deine Freundin.“

Ein Schmunzeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus und sie zwinkerte mir zu. Was sich liebt, das neckt sich, traf wohl nicht nur auf Liebespaare zu. Ich grinste, und ohne weitere Worte gingen wir ins Wohnzimmer, um es uns auf meiner Couch gemütlich zu machen.

Nachdem ich Emma in aller Ausführlichkeit von meinem wirklich miesen Tag erzählt hatte, hüllte sie sich wieder in Schweigen, während sie an ihrem Glas nippte.

„Willst du denn nichts dazu sagen?“

„Du sagst also, Mark sieht jetzt richtig gut aus?“

„Das ist alles? Ich erzähle dir gerade, dass er das größte Arschloch auf diesem Planten ist und du merkst dir nichts anderes, als dass er jetzt gut aussieht?“ Meine Stimme rutsche einige Oktaven höher, während ich ein rotes Sofakissen, das auf meinem Schoß lag, fest umklammerte.

„Na ja, ich meine, er ist ein Rockstar … und sieht gut aus. Was erwartest du denn?“

„Dass er sich wie ein normaler Mensch verhält, zum Beispiel?“

Emma zuckte die Schultern. „Ich habe da meine Zweifel, dass solche Leute das überhaupt noch können.“

„Das können sie durchaus. In der Agentur, in der ich vorher gearbeitet habe, habe ich schon mit jeder Menge Rockstars zu tun gehabt und keiner hat sich so aufgeführt.“

„Na, das glaube ich nicht.“ Sie schnalzte mit der Zunge und verzog ihr herzförmiges Gesicht zu einer Grimasse. „Weißt du nicht mehr, dieser eine … dieser Schlagerstar? Der dich als Schlampe bezeichnet hat? Der war doch wesentlich schlimmer.“

Ich stutzte und ließ mich in die riesigen Kissen sinken. Emma hatte recht. Das war mit Abstand der furchtbarste und eingebildetste Mensch, der mir je begegnet war.

„Ich glaube, dass du deswegen so sauer bist, weil du auf ihn stehst.“ Sie pikste mich mit ihrem Zeigefinger in den Arm und grinste siegessicher.

„Ich stehe nicht auf ihn! Was denkst du denn?“ Schockiert wischte ich ihren Finger beiseite und starrte auf einen roten Fleck auf ihrem grauen T-Shirt. Ich hoffte inständig, dass sie mir das abkaufte. Leider konnte ich nicht verhindern, dass das Blut in meine Wangen schoss und ich mich so verriet.

Sofort schallte ihr helles Lachen durch den kleinen Raum. „Ich wusste es, Dana. Du kannst nichts vor mir verheimlichen, merk dir das.“ Amüsiert zwinkerte sie mir zu, während ich die Arme vor der Brust verschränkte.

„Und wenn schon. Das ändert nichts an der Tatsache, dass er ein Arsch ist.“

„Richtig, und deswegen bitte ich dich, auf dich aufzupassen. Ich weiß, du stehst auf solche Kerle. Und du hattest gewiss schon genug Idioten.“ Plötzlich war jegliche Belustigung aus ihrer Stimme verschwunden. Ihre Hand fand meine und drückte sie sanft. „Ich weiß, aber keine Angst, da wird nichts passieren“, versicherte ich ihr.

2. Überraschung, Überraschung

Drei Monate später hatte ich es schließlich mit der Hilfe einer Konzertagentur geschafft, die Tournee auf die Beine zu stellen. Die Städte standen fest, die Hallen und Hotels waren gebucht, ein Tourbus würde auch bereitstehen, und die Tickets verkauften sich, dank ihres neuen Albums, wie warme Semmeln.

Emma stand mit einer Flasche Sekt in meinem Büro. Sie holte mich, wie jeden Dienstagabend, für unsere gemeinsame Yogastunde ab. „Zur Feier des Tages gönnen wir uns ein Gläschen Sekt!“, rief sie gut gelaunt, während sie die schmalen Gläser bis zur Kante mit dem prickelnden Getränk füllte.

Aufgrund meiner guten Leistungen hatte ich eine ordentliche Gehaltserhöhung bekommen und mein bisher befristeter Vertrag wurde zu einem unbefristeten.

Auf meinem Gesicht bildete sich ein breites Grinsen, während ich nach meinem Glas griff und mit Emma anstieß.

„Da hast du recht! Auf mich!“

„Ist bei der Tour jetzt alles schon in trockenen Tüchern oder kommen da noch ein paar Hämmer?“ Emma ließ sich in den Stuhl vor meinem Schreibtisch plumpsen und schlug ihre schlaksigen Beine übereinander, während meine Laune sofort in den Keller sank.

Ich ging um den Tisch herum und ließ mich in den Ledersessel fallen. Mit gequältem Gesichtsausdruck seufzte ich auf, während ich ins Leere starrte. Vor meinem inneren Auge sah ich Marks düstere Miene.

„Die letzten Details müssen wir noch klären. Setlist, externe oder interne Crewmitglieder für die Technik und solchen Kram. Dazu brauche ich aber die Band und muss mich vor allem mit Mark herumschlagen. Bisher konnte ich das Meiste alleine regeln, aber bei diesen Sachen hat die Band das Wort.“

Das nächste Meeting war in zwei Wochen und mir graute es jetzt schon davor. Immer wenn ich daran dachte, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken.

Emma beugte sich nach vorn und nahm meine Hände in ihre. „Ach was, das kriegst du schon hin. Bisher hast du doch immer alles geschafft.“

Während sie halb über den Schreibtisch lehnte, stieß sie gegen die Maus meines Laptops und der Bildschirm schaltete sich mit einem Flackern ein. Neugierig schielte sie darauf und fing schallend an zu lachen, als sie erkannte, was auf dem Bildschirm prangte – ein freizügiges Bild von Mark.

Seine durchtrainierte, nackte Brust, die mit großflächigen Tattoos verziert war, war deutlich zu erkennen. Er lehnte an einer Wand, die Hände in den Hosentaschen, und ein lässiges Grinsen zierte sein attraktives Gesicht.

Mein Herz sank und ich versuchte, das Bild zu schließen. Hektisch klickte ich auf der Oberfläche herum. Statt das Fenster zu schließen, erstrahlte es plötzlich in voller Größe. Genervt gab ich es auf und klappte stattdessen den Bildschirm einfach zu.

Emma musterte mich mit hochgezogenen Brauen. „Du stehst also nicht auf ihn? Und warum hast du dann ein Foto von ihm auf deinem PC, auf dem er halb nackt ist?“

Die Hitze schoss in meine Wangen und ließ sie feuerrot glühen. „Ich … äh … habe gerade etwas über die Band recherchiert“, stammelte ich vor mich hin und fixierte einen kleinen Kratzer in der Holzplatte meines Tisches. „Ich bin nur zufällig gerade vorhin auf das Foto gestoßen.“

„Zufällig also?“, hakte sie nach und schenkte mir einen Blick, bei dem ich mir wie eine Schülerin vorkam, die ihre Hausaufgaben vergessen hatte.

„Ja, zufällig.“ Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. Emmas Augenbrauen schossen weiter nach oben. Beinahe verschwanden sie unter ihrem kurzen Pony. Das reichte aus, um mich zum Reden zu bringen.

„Ja okay, ich habe nach ihm gesucht. Und ja, du hattest recht, ich finde ihn attraktiv. Und das ist mein Problem. Du weißt was passiert, wenn ich einen Mann wirklich attraktiv finde, und sei er noch so ein Idiot?!“

„Ich weiß, dass du deine Gliedmaßen und dich im Allgemeinen nicht mehr unter Kontrolle hast, aber da musst du einfach drüberstehen. Lass dich von ihm nicht ablenken und konzentrier dich ganz auf deinen Job.“ Plötzlich blitzte Sorge in ihrer Miene auf und ich seufzte. Ich wollte nicht, dass meine Freundin um mich bangen musste.

„Das mache ich, versprochen!“

„Musst du eigentlich mit auf Tour?“ Emma schien noch nicht ganz überzeugt, dass ich nicht Gefahr lief, mich in Mark zu verlieben. Und wenn ich ehrlich war, zweifelte ich auch daran. Zwar hatte ich von Kerlen erst mal genug, nach der letzten gescheiterten Beziehung, aber das hieß nicht, dass mein Herz oder mein Körper nicht anders über die Sache denken könnten als mein Verstand.

Mit einem Kopfschütteln verneinte ich ihre Frage.

„Dennis meint, dass ich die Tour vom Büro aus managen kann und nur im Notfall nachreisen muss. Er hat die miese Stimmung schließlich auch mitbekommen und will unnötigen Streit so weit es geht vermeiden.“

Emma nickte. „Das ist gut. Ich glaube, dass dir die Nähe zu ihm nicht guttun würde.“

Da musste ich meiner Freundin zustimmen, denn davon war ich überzeugt.

Als der nächste Termin mit The Red Orchid bevorstand, war ich bereits am Vormittag ein reines Nervenbündel.

Normalerweise trieb mich nichts so schnell an den Rand des Wahnsinns, aber die Besprechung mit Mark am Nachmittag schwebte wie ein Damoklesschwert über mir und ließ mein Stresslevel auf ein Maximum ansteigen. Schon Kleinigkeiten, wie ein falscher Telefonanruf, brachten mich an diesem Tag aus dem Konzept.

Um 16 Uhr kam schließlich der Anruf unserer Empfangsdame Lisa, dass Mark und Matthias eingetroffen seien. Ich war kurz davor, einfach meine Sachen zu packen und klammheimlich abzuhauen. Langsam und mit wachsender Nervosität schlich ich nach unten, um die beiden abzuholen.

Am Fuß der Treppe angekommen, traute ich meinen Augen kaum. Mark lehnte halb über dem Tresen und flirtete lautstark mit Lisa. Nichts war mehr übrig von seiner düsteren Aura, die ihn das letzte Mal umgeben hatte. Stattdessen ließ er seinen Charme ungeniert spielen und machte ihr schöne Augen. Ich konnte ihr nicht übelnehmen, dass sie kicherte wie ein frisch verliebter Teenie.

Kaum zu glauben, was ich da sah – Mark konnte ein charmanter Mann sein?

Ich sah staunend dabei zu, während Matthias genervt neben ihm stand und die Augen verdrehte. In dem Moment, da Mark tatsächlich nach Lisas Nummer fragte, wurde es mir zu bunt und ich räusperte mich lautstark. Alle drei zuckten kurz zusammen. Lisas Gesichtsfarbe wechselte zu Pink und sie tat schnell, als arbeite sie wieder.

Die beiden Männer hingegen kamen lässig auf mich zu. Mit erhobenem Kinn und straffen Schultern reichte ich Mark die Hand. „Hallo, Herr Schmidt. Schön, dass Sie da sind.“

Sein Händedruck war fest und ich wandte mich schnell an Matthias. „Hallo, Herr Schober. Schön, dass auch Sie wieder dabei sind.“

„Schön, Sie wiederzusehen“, grüßte auch er mich mit einem Händeschütteln.

Ich machte einen Schritt zur Seite und deutete Richtung Treppe. „Wir können schon in den Besprechungsraum.“ Mit einem breiten Lächeln, das mehr als nur gespielt war, ließ ich die beiden Männer vorgehen.

Ein unangenehmes Schweigen breitete sich aus, als wir den Konferenzraum betraten. Aber nach Small Talk war mir heute wirklich nicht zumute.

Während ich meine Unterlagen zurechtlegte, spürte ich deutlich Marks eindringlichen Blick auf mir ruhen. Meine ohnehin schon angeschlagenen Nerven spielten schier verrückt, als ich kurz aufsah und von dem Blau seiner Augen eingefangen wurde. Zu allem Überfluss fingen auch noch meine Hände an zu zittern, ob vor Nervosität oder von den zwei Liter Kaffee, die ich bereits intus hatte, konnte ich nicht sagen. Ich hoffte inständig auf Letzteres.

Mit einem Räuspern versuchte ich, mich wieder unter Kontrolle zu bekommen und bot beiden etwas zu Trinken an, was sie dankend annahmen. Ich reichte Mark ein leeres Glas, und als er danach griff, berührten sich für den Bruchteil einer Sekunde unsere Fingerspitzen. Das reichte aus, um ein Kribbeln in der Intensität eines Sturmes durch meinen Körper zu jagen. Mein Herz machte einen Satz, als wäre es von einem Stromschlag getroffen worden, um dann in einen unregelmäßigen Rhythmus zu verfallen. Ein feiner Schweißfilm überzog meine Hände und das Glas glitt mir aus den Fingern. Wie in Zeitlupe sah ich dabei zu, wie es scheppernd auf den Tisch knallte. Zu meiner Erleichterung blieb es wenigstens ganz. Das hätte mir noch gefehlt. Peinlich berührt, versuchte ich die Situation zu überspielen und mir nichts anmerken zu lassen.

„Das tut mir leid“, murmelte ich in seine Richtung, ohne ihn dabei anzusehen. Das Zucken seiner Mundwinkel, das ich im Augenwinkel wahrnahm, reichte aus, um das Blut in meinen Ohren rauschen zu lassen. Schnell stellte ich das Glas wieder hin und schob es ihm zu. Die Wasserflasche stellte ich in die Mitte des Tisches. Einschenken konnten sie sich schließlich selbst.

Ich setzte mich wieder und kramte in dem Stapel Papiere, der vor mir lag. Das Rascheln der Blätter hallte laut in dem sonst eher spärlich eingerichteten Raum wider. Die drückende Stille wurde durch Marks intensive Blicke, die er mir ständig zuwarf, nur noch unerträglicher.

„Frau Müller?“, fragte Mark, woraufhin ich ihn fragend ansah. „Ich muss mich für das letzte Mal entschuldigen. Ich hatte einen schlechten Tag. Ich hoffe, Sie verzeihen mir.“ Er lächelte charmant, während seine blauen Augen strahlten und sich kleine Lachfältchen darum bildeten. Dieser Mistkerl wusste ganz genau, wie er eine Frau um den Finger wickeln konnte. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich einen süßen Hund vor mir sitzen, der mich winselnd ansah und um Verzeihung bat, weil er unartig gewesen war.
Ich spürte, wie sich automatisch meine Lippen zu einem Lächeln verzogen. „Das ist nicht weiter schlimm, jeder hat mal einen schlechten Tag“, tat ich das Ganze ab und fragte mich, wieso ich ihn so dämlich angrinste. Eigentlich war es ganz und gar nicht in Ordnung, wie er sich benommen hatte, aber ich konnte einfach nicht anders.

Ich starrte ihn etwas zu lange an, denn er runzelte die Stirn und ein fragender Ausdruck erschien auf seiner Miene. Meine ohnehin schon glühenden Wangen wurden noch einen Tick dunkler und ich wandte mich schnell wieder ab.
Etwas orientierungslos starrte ich auf die Mappe, die vor mir lag, ehe ich mich wieder darauf besinnen konnte, weswegen ich überhaupt hier war. Ich seufzte leicht, während ich nach einem Schriftstück kramte. Das konnte ja was werden, wenn ich mich weiter so benahm.

Als ich den Zettel aus der Mappe herausgefischt hatte, beugte ich mich ein Stück über den Tisch und gab Mark das Stück Papier. „Hier, Herr Schmidt -“

„Nenn mich doch Mark, wenn es dir recht ist.“
„Gut, dann eben Mark“, erwiderte ich eine Spur zu genervt. „Dann nenn mich bitte Dana. Hier haben wir die bestätigten Hallen und die Termine dazu.“ Als er nach dem Zettel griff, berührte er wieder wie zufällig meine Fingerspitzen. Für einen Moment hielt ich die Luft an. Da war es wieder – dieses Kribbeln, welches durch meinen ganzen Körper schoss. Schnell zog ich meine Hand weg und lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Gedankenversunken massierte ich meine Finger, als hätte ich mich an einer heißen Herdplatte verbrannt, während Mark und Matthias die Unterlagen studierten. Angestrengt versuchte ich, mich wieder zu konzentrieren. Ich musste Mark einfach ausblenden, aber das war leichter gesagt, als getan. Diese strahlenden Augen in Verbindung mit seiner tiefen, wohlklingenden Stimme hatten eine unheimliche Wirkung auf mich.

Das restliche Meeting verlief zum Glück ohne weitere Zwischenfälle und Peinlichkeiten meinerseits.

Als endlich alles besprochen war, stand ich auf und wollte die beiden nach draußen begleiten. Plötzlich wurde die Tür des Konferenzraumes aufgerissen und Dennis kam hereingestürmt.
„Ah, gut, dass ihr alle noch da seid.“ Mit zwei schnellen Schritten umrundete er den Tisch, begrüßte die beiden Männer mit einem freundschaftlichen Handschlag und bat uns, uns noch einmal kurz zu setzen.

„Ich habe noch eine Kleinigkeit mit euch zu besprechen“, sagte er, während er sich ans Tischende setzte und die beiden Bandmitglieder unsicher ansah. „Ich bin extra ins Büro gekommen, weil ich euch das persönlich sagen wollte.“ Dennis machte eine Pause, während er jeden Einzelnen von uns kurz fixierte. „Ich möchte gerne, dass einer hier aus dem Management mit auf Tour geht. Da es ein paar Unstimmigkeiten mit der Konzertagentur gab, hätte ich gerne jemanden dabei, der alles überwacht. Eigentlich würde ich mitgehen, aber da das nicht geht, wird Dana das übernehmen.“

Er verstummte und fuhr sich nervös durch seine kurzen braunen Haare. Sämtliches Blut wich aus meinem Gesicht und ich klammerte mich an der Tischplatte fest. Hatte er gerade wirklich gesagt, dass ich mit auf Tour musste? Ernsthaft?

Eine drückende Stille hatte sich über den Raum gesenkt. Mark wirkte nicht minder verstört. Er öffnete den Mund und klappte ihn gleich darauf wieder zu.

Matthias war der Erste, der seine Stimme wiederfand. „Wieso denn das auf einmal? Ich dachte, wir hätten besprochen, dass keiner mitgeht, wenn du nicht kannst?“

Dennis seufzte und sein trauriger Blick sprach Bände. „Ja, ich weiß, aber mir ist wohler bei der Sache, wenn jemand dabei ist, der die Verantwortung übernehmen kann. Ich möchte, dass ihr euch ganz auf die Tour konzentrieren könnt.“

„Willst du etwa damit sagen, dass wir das nicht alleine schaffen würden?“ Mark warf Dennis einen vernichtenden Blick zu.

„Nein, Mark, und das weißt du auch. Aber die letzten Telefonate mit der Agentur haben mir alles andere als zugesagt. Ich möchte nicht, dass das Chaos ausbricht. Und glaub mir, Dana macht das sicher gut. Sie hat die Tour fast alleine geplant und da bin ich mir sicher, dass sie den Rest auch locker schafft. Stimmt’s?“

Dennis nickte mir zu. Offensichtlich erwartete er von mir, dass ich die beiden Männer beruhigte, aber ich brachte nur ein Nicken zustande, zu erschrocken, um auch nur einen Ton herauszubekommen.

Marks Stimmung sackte nun vollends in den Keller und seine Miene verdunkelte sich, als würde ein Sturm aufziehen. „Das sehen wir noch, ob das nötig ist“, bellte er, stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

Matthias zuckte mit den Schultern und verabschiedete sich eilig mit einem Händedruck und einem „Tut mir leid“ in meine Richtung. Auch er wirkte alles andere als begeistert.

 

ENDE der Leseprobe! Erscheint am 05.05.2016! Hier bereits vorbestellen!

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